Und plötzlich fühlt man sich ganz klein

Vom Penserjoch (2.211 m) über das Gröllerjoch (2.557 m) nach Feldrand (1.300 m) – 5. Etappe der Sarntaler Hufeisentour

Eigentlich hatte ich für heute die Überschrift „Richtungswechsel“ geplant, aber der Tag hatte Anderes vor. Die Richtung habe ich natürlich gewechselt. Das Penser Joch ist der nördlichste Punkt der Tour und ab heute wendet sich der Weg nach Süden und die Sonne scheint ins Gesicht, statt auf den Nacken. Doch heute Morgen zeigt sie sich noch nicht so richtig. Bei dem herrlichen Frühstück im Alprosenenhof zeigt sich vielmehr ein herrliches Wechselspiel zwischen Sonne und Wolken. Und die Sonne gewinnt.

Bald ist der Himmel blau und ein paar zarte Wölkchen lockern das Ganze auf. Die Prognose ist gut, etwas Regenwahrscheinlichkeit am Vormittag und Gewitter erst am Nachmittag. Beste Aussichten zum Start um 8.30 Uhr. Die beiden Schwäbinnen – bislang habe ich die noch nicht erwähnt – sind heute als erste gestartet, ich ca. 25 Minuten später. Pia ist heute die letzte in der Runde. Für mich ist es ganz schön, da ich durch ihre farbigen Shirts immer gut den weiteren Verlauf des Weges ausmachen kann. Es startet, wie es gestern fast den ganzen Tag ging, mir einer schönen Höhenwegsbummelei. Es geht leicht aufwärts, genau so wie ich es mag. Der Weg führt unterhalb des Sarner Weißhorns entlang. Hier wird es aufgrund der Gipfelpyramide auch Sarner Matterhorn genannt. Unterhalb liegen die Steinwandseen, deren unterirdischer Abfluss den Ursprung der Talfer bildet, die durch Bozen und später in die Etsch fließt. Zum Grölljoch muss man dann doch etwas mehr schwitzen, doch es lässt sich hervorragend gehen und außerdem schieben sich nun doch ein paar graue Wolken vor die Sonne. Eigentlich wollte ich heute wirklich genussvoll gehen, aber Wolken auf 2.500 m Höhe mag ich nicht, da ich immer gerne den Weg noch vor mir sehe und es nach dem Joch laut Karte doch recht steil abwärts geht. Also ziehe ich jetzt sehr zielstrebig und schnell nach oben.

Am Joch überhole ich auch die beiden Schwäbinnen, die jetzt ganz dankbar sind, hinter mir laufen zu können. Es ist steil, aber mit achtsamen Gehen wirklich sehr gut zu machen. Plötzlich kommen die ersten Tropfen, die ich noch ignoriere. Es sind eher hellgraue Wolken, da kommt bestimmt fast nix. Doch es werden mehr Tropfen, so dass ich an einem halbwegs geeigneten Platz meine Regenjacke auspacke und auch den Rucksack ein Regencape verpasse. Wenig unterhalb tun das auch drei Wanderer, die in der Gegenrichtung unterwegs sind.

Danach ist alles nur noch Minutensache. Plötzlich ist ein stürmischer Wind da und der erste Blitz, gefolgt von Donner ist da und der Himmel öffnet die Schleusen. Das Gewittef ist genau über uns und es gibt keine wirkliche Unterstellmöglichkeit. Ich stelle mich an den einzigen Fels in meiner Nähe, der zumindest höher ist als ich. Stöcke lege ich weg und Handy ist auf Flugmodus – ja keine Angriffsfläche bieten. Das Wasser läuft mir oben in die Schuhe rein und unten wieder raus. Beide Schwäbinnen sind zu mir aufgeschlossen, da sie gar nix oberhalb hatten, was sie etwas schützen konnte. Trotz des Felsens, der zumindest etwas Schutz bot, mussten wir uns an ihm festhalten, um vom Wind nicht erwischt zu werden.

Als das Gewitter nicht mehr ganz direkt über uns war, sind die Schwäbinnen weiter und wenig später wollte ich auch losziehen. Plötzlich höre ich Pias Stimme und sehe sie über mir. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Sie war genau oben am Joch als der erste Blitz nicht weit von ihr zückte und sie ist wie eine Besessene vom Berg runter gerannt. Jetzt gehen wir im strömenden Regen gemeinsam und entdecken wenige Minuten später eine Hütte und dort drinnen die zwei Schwäbinnen. Wir sind so glücklich, schälen uns aus den Regenklamotten und sind erst einmal geschützt. Die drei Wanderer kommen wenig später auch dort an und so warten wir gemeinsam im Trockenen, bis es wieder aufzieht.

Rettende Hütte – jetzt weiß ich sie extrem zu schätzen

Alles in allem hat es vielleicht 30 Minuten vom ersten Tropfen bis zum Aufbruch an der Hütte gedauert. Pia läuft mit den dreien, die jetzt auch wieder absteigen und ich ziehe wieder allein weiter und hoffe, dass die Hose schnell trocknet. Der Rest ist durch die Regenjacke erstaunlich trocken geblieben.

So sieht es 30 Minuten nach dem ersten Tropfen aus – als wäre nix gewesen

Beim Laufen realisiere ich das erst alles und ganz ehrlich – es steckt mir ordentlich in den Knochen. Ich bin froh, jetzt alleine zu laufen und es verarbeiten zu können. Von der Hütte sind es knappe zwei Stunden nach Weißenbach, die ich mit meinen tropfnassen Schuhe und schweren Gedanken auch brauche. Das ist ungewöhnlich für mich, aber ich lasse es zu. Die herrliche Umgebung und meine Stimmung passen so gar nicht zusammen.

Pferde auf der Alm

Da ich nicht in Weißenbach übernachte, laufe ich jetzt noch ein Stück der morgigen Etappe nach Feldrand. Dafür muss ich von Weißenbach nochmals etwas aufsteigen, was mir meine zwei heute – dank der nassen Socken und Schuhe – neu erworbenen Blasen so richtig vermiesen. Aber egal, ob auf, ab oder geradeaus – jeder Schritt tut weh. Aber auch hier kommt Land in Sicht bzw. ein Hoteldach und damit steigt auf dem letzten Kilometer die Motivation doch noch einmal an.

Ich bekomme ein schönes Zimmer, einen Strudel und einen Cappuccino – das baut auf. Wenn das Wetter (danach sieht es aus) und die Füße mitmachen geht es morgen über das Missensteiner Joch auf Meran 2000. Mal sehen…

17,6 km / 515 hm hoch / 1.255 hm ab / 5 Stunden 15 Minuten

Das war heute eine neue Erfahrung für mich, auf die ich gerne verzichtet hätte. Dennoch kann ich jetzt noch besser einschätzen, wie schnell sich wirklich das Wetter in den Bergen ändern kann und wie mächtig sich das in wilder Umgebung anfühlt.

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