Ein bisschen verrückt

Von Oberstdorf  über das Dietersbachtal zum Älpelesattel (1.780 m) und über das Oybachtal zurück

Heute habe ich – von langer Hand geplant – frei und das Wetter ist auch mit mir. Ein bisschen zu warm, aber ich will nicht klagen nach diesem Sommer. Heute gönne ich mir eine Bergtour einfach mal mit mir allein. Aber welche soll es denn bitte sein. Ich suche mir nach langer Stöberei in diversen Wanderführern eine Runde in den Oberstdorfer Bergen (Allgäuer Hochalpen) aus. Vor dem Einschlafen gestern habe ich die Tour wieder verworfen, da sie mit etwas mehr als 7 Stunden doch recht lang ist.

Heute bin ich vor dem Wecker wach geworden. Das ist ein Zeichen. Also doch die Tour zum Älpelesattel. Auf geht’s nach Oberstdorf. Zu dieser Zeit sind Parkplätze noch keine Mangelware, allerdings die Sonne. Die steckt noch hinter den Bergen und ich friere in meinem hochsommerlichen Bergoutfit durchaus. Bei den angekündigten Temperaturen habe ich natürlich auch nix wirklich Langärmliges dabei. Also tausche ich kurzerhand zumindest das Trägertop gegen ein Kurzarmshirt und den Rest muss die Gehgeschwindigkeit bringen.

Ich esse noch schnell mein Müsli und starte dann auf sehr bekannten Wegen. Hier sind der Lieblingsmann und ich 2013 auf den E5 gestartet. Allerdings laufe ich nicht bis nach Spielmannsau, sondern biege nach ca. 45 Minuten ab, um zum kleinen Bergbauerndorf Gerstruben zu gelangen. Endlich! Das steht schon seit längerem auf der Liste und heute sammle ich es fast im Vorbeigehen mit ein. Ich habe leider nicht alle Schilder am Abzweig richtig gelesen und bin daher dem ersten in Richtung Gestruben gefolgt, was mich die 250 hm auf der Straße nach oben gebracht hat. Das wäre durch den Tobel sicherlich malerischer gewesen, aber so bin ich 30 Minuten später hier oben in dieser Idylle.

Gerstruben
Bauernhäuser in Gerstruben

Jetzt geht es wieder sehr gemächlich ins Dietersbachtal hinein. Mit wenig Höhendifferenz geht es noch zur Dietersbachalpe (1.325 m). Hier ist schon ordentlich Betrieb, da es eine wunderschöne Strecke hierauf ist, die man gut mit dem Rad/E-Bike fahren kann. Ich bin bis hierhin schon gut 10 km gelaufen, was ich auch schon ein bisschen merke. Jetzt bin ich die Einzige, die nach der Alpe noch weitergeht. Es geht für die nächsten 500 hm einfach nur am steilen Bergrücken in winzigen Kehren und mit teilweise riesigen Stufen bergan. Ich kann mich nicht beklagen: Zeit und Strecke zum Warmlaufen war ja genügend vorhanden auf dieser Tour. Inzwischen ist es richtig heiß und ich bin dankbar für jeden Schritt im Schatten. Von meinem morgendlichen Frösteln ist nichts mehr über. Ich quäle mich etwas nach oben und dennoch macht es Spaß – schon verrückt.

Kurz vor dem Älpelesattel muss ich eine kurze Pause einlegen und etwas essen, da ich plötzlich total unterzuckert bin. Zum Glück habe ich genügend dabei, so dass der Endspurt dann auch gleich geschafft ist und ich mir eine längere Pause gönne. Unterhalb der Höfats, einem der bekanntesten Oberstdorfer Gipfel sitze ich entspannt, das Dietersbachtal im Rücken und das Oybachtal vor mir. So schön hier oben und so ruhig. Es ist halt kein klassischer Gipfel und es sind mörderlange Zustiege – das könnten die Gründe für die Bergeinsamkeit sein.

Der Abstieg ins Oybachtal ist nicht ganz so steil und die Knie danken es sicherlich. Die Käseralpe, die vom Sattel schon gut sichtbar war, rutscht nur langsam näher, aber auch das ist nur eine Frage der Zeit, bis ich am Eingang stehe. Ich kehre trotz freier Plätze und gutem Essen nicht ein, da ich oben am Sattel erst eine kleine Brotzeit hatte und ich auch noch ein ziemliches Stück Wegstrecke vor mir habe. Die Sonne brennt im Nacken und nach den bereits 14 gegangenen Kilometern kommen noch 9 oder 10 😅. Nicht weit von der Alpe gibt es Murmeltierpfiffe und in der Tat, es lässt sich blicken. Ein seltener Moment, gerade an diese vielbegangenen und -befahrenem Weg.

Murmeltier nahe der Käseralpe

Die Aussicht bleibt die gesamte Zeit ziemlich verlockend, aber die Schritte verlieren deutlich an Dynamik. Ich frage mich schon gelegentlich, ob es heute genau die 25-Kilometer-Tour sein musste. Ja, schon! Der Blick und die fast bis zum Oytal Haus anhaltende Ruhe entschädigen. Ich komme unterwegs noch mit einer netten Wanderin ins Gespräch, die eine ähnliche, auch ziemlich lange Tour heute in den Beinen hat. Beim Ratschen vergehen die Kilometer noch schneller und beim Oytal Haus trennen sich unsere Wege wieder. Ich laufe hinab nach Oberstdorf – was definitiv kürzer klingt, als es mit weiteren 6 Kilometern war – und sie hat überlegt, eine knappe Stunde zu warten, um dann ab 15:00 Uhr mit dem Roller abwärts zu fahren.

Unterwegs ärgere ich mich immer während der sonnigen Abschnitte, warum ich das nicht auch gemacht habe. Im Schatten ist der Ärger jedoch immer ganz schnell verflogen.

Und man mag es kaum glauben, aber auch die längste Tour geht einmal zu Ende und man findet das Ziel. Zurück im Parkhaus freue ich mich bei 30 Grad endlich aus den Wanderschuhen zu steigen und dann schnell den nächsten Bäcker, auf der Suche nach Kuchen, anzusteuern.

Den gibt es daheim mit dem Lieblingsmann nach dieser anstrengenden, langen aber unglaublich reizvollen Tour, für die man schon ein bisschen verrückt sein muss.

24,4 Kilometer  / 5 Stunden 40 Minuten  / ca. 1.000 hm

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