Von Scharnitz durchs Karwendel nach Pertisau
Das Geschenk hätte ich mir gerne bereits letztes Jahr zu meinem runden Geburtstag gemacht, jedoch waren die 2.500 Startplätze für den Karwendelmarsch so schnell ausverkauft, dass ich am späten Nachmittag einfach schon zu spät dran war. Daher habe ich mich am Anmeldetag im Januar direkt auf die Lauer gelegt und um 10:05 war ich dabei. Danach ist im Kopf auch bald der Trainingsplan entstanden, damit ich mich auf die 52 Kilometer vernünftig vorbereiten kann. Wie das häufiger so ist mit den Plänen … die Realität unterscheidet sich dramatisch vom Plan.
So finde ich mich am Freitag Abend nahezu unvorbereitet an der Startnummernausgabe in Scharnitz wieder und langsam wird es greifbar, dass ich diese Tour (oder vielleicht auch Tortour) wirklich mache. Wir übernachten in Seefeld, so dass es morgens zum Start nur wenige Minuten Fahrtzeit sind. Ich habe heute ja das Glück eines Fahrers. Aussage vom Lieblingsmann: „Das tue ich mir nicht an!“ und damit war klar, ich bin allein unterwegs. Fluch und Segen, aber morgens auf jeden Fall ein Segen, da ich erst 5 Minuten vor dem Start um 6:00 Uhr abgeliefert wurde. Als Langschläfer und Morgenmuffel ist jede Minute später sehr willkommen.
Der Lieblingsmann fährt ins Hotel zurück und ich werde von motivierender Musik und Moderation empfangen und das aufgeregte Kribbeln und die Gänsehaut kommt langsam auf. Nach dem gemeinsam gewählten Countdown und dem Startschuss, setzt sich das Feld langsam in Bewegung. Da es nicht mein erster Marsch ist, weiß ich, dass die ersten Kilometer etwas anstrengend sind, da alle ihren Platz und ihr Tempo finden müssen und der große Teil der Gruppe noch sehr nah beieinander ist. Es ist trocken, ganz langsam wird es hell und ein paar Berge schauen ganz vorsichtig aus den Wolken. Schöne Stimmung. So könnte es bleiben.

Nach knapp 10 Kilometern, kurz vor der ersten Verpflegungsstation, dem Schafstallboden, fängt es leise zu regnen an. Und die erste Anpassung am Outfit ist fällig. Regenjacke an und Wanderjacke aus. Am Schafstallboden greife ich mir schnell etwas süßen Tee, Banane und ein paar der wirklich extrem guten Butterkekse.

Weiter geht es und auch noch ein ganzes Stück ohne nennenswerte Steigung. Ich bin jetzt auch noch ein bisschen gehetzt, da ich die Zeitnahme in der Eng (Kilometer 35) bis 14:00 Uhr geschafft haben muss. In der Ebene ist das machbar, aber bis dahin sind auch noch 1.500 Höhenmeter zu bewerkstelligen. Mein Ziel ist es, so gegen 10:00 Uhr am Karwendelhaus zu sein. Dann hätte ich fast 20 Kilometer in vier Stunden und eine gute Chance vor 14:00 Uhr in der Eng zu sein. Ich kenne die Strecke und der Anstieg zum Karwendelhaus ist einfach zu gehen. Der Weg ist breit und zieht sich mit moderater Steigung nach oben. Das Teilnehmerfeld ist komplett entzerrt und es hat sich super eingependelt. Ich sehe immer wieder die gleichen Leute. Mal ist der eine vorn, dann überhole ich mal wieder und so geht es hin und her. Auch eine gute Beschäftigung für den Kopf, denn zum Quatschen fehlt der Lieblingsmann und aufgrund des Wetters gibt es wenig Aussicht zu bestaunen. Der Regen wird immer mehr und als ich fast oben bin, wo bei schönem Wetter ein wunderbares Bergbild mit Gipfeln, grasenden Kühen und einer kleinen Kapelle wartet, gibt es heute nur grau in Varianten mit tief hängenden Wolken und vielen bunten, sich bewegenden Regenjackenpunkten. Ich bin kurz nach 9:30 Uhr am Karwendelhaus und absolut zufrieden mit meiner Zeit. Ich freue mich auf Frühstück und ein leckeres Käse- oder Wurstbrot. Allerdings waren die gerade aus und zum Warten fehlt mir die Zeit und bei dem gemütlichen Wetter auch der Nerv. Also schnappe ich mir zwei Haferriegel. Einen gibt es sofort und der andere wandert in die Jackentasche und auf geht’s. Jetzt steht der erste Abstieg an und es wird im Rückblick das zweitschlimmste Stück des Weges. Es weht ein kalter Wind, ich bin komplett durchnässt. Die Regenjacke verhindert nur, dass der Regen direkt auf der Haut landet. Da muss eine neue her, aber das hilft mir akut überhaupt nichts. Ich habe meine Handschuhe vergessen (hello, it’s summer!) und beim Absteigen strengt man sich auch nicht an, so dass mir auch noch elendig kalt ist. All das muss egal sein – es geht weiter. Ich krabble mental in mich hinein und versuche nach außen so wenig wie möglich Angriffsfläche zu bieten und laufen so schnell wie irgend möglich hinab zum kleinen Ahornboden. Es sind ca. sechs Kilometer und die können sich wirklich auch ziehen. Angekommen, nehme ich mir etwas Zeit, um nun auch meine Regenhose anzuziehen. Mit kalten, klammen Fingern ist das eine zeitraubende Herausforderung, aber sie bringt sofort Ergebnisse: ein geschütztes Gefühl und Wärme, da hier absolut nichts von außen durchdringt. Noch schnell einen Kräutertee getrunken und Butterkekse genascht und schon bin ich wieder auf dem Weg. Nächstes Ziel ist die Falkenhütte und der Appetit auf Wurstbrot treibt mich an. Erst überquere ich ein trockenes Flussbett und dann zieht sich ein schmaler Pfad angenehm ansteigend zu einigen Almhütten. Aus der einen dringt motivierende Musik. Die ist auch notwendig, da jetzt ein ziemlich Steiler Anstieg kommt und bei mir auch langsam der Hunger einsetzt. Bisher bin ich dieses Stück immer in der Mittagshitze gelaufen. Das war schon kein Spaß, aber im Regen ist es das noch weniger. Auf der Wiese kommt das Wasser entgegen, jeder Schritt schmatzt, die Schuhe und Füße sind nun auch nass und die Geschwindigkeit ist bei nahe Null. Ich muss es dennoch geschafft haben, denn ich halte noch vor 12:00 Uhr mein Käse-Wurstbrot in der Hand. Eine wirkliche Pause gibt es dennoch nicht; ich gehe Kalender weiter. Es geht ja eh abwärts. Für den Lieblingsmann wäre das definitiv nix. Pause ist Pause!
Der Abstieg zur Eng ist fußsohlenschädigend. Jetzt ist es vorbei mit schönen Pfaden und Wegen. Jetzt ist Steinspringen angesagt. Viele Steine brauchen bei der Nässe auch ordentlich Aufmerksamkeit, um nicht auszurutschen. So geht es erst abwärts unterhalb der Laliderer Wände und dann kurz wieder hinauf. Der Untergrund wechselt jetzt. Zu den Steinen kommt noch Schlamm hinzu – Konzentration ist nötig und man verliert zugleich unheimlich viel Zeit. Ich mag dieses Stück nicht wirklich, da danach definitiv die Füße schmerzen und ich weiß, dass ich nicht nach 35 Kilometern aufhören möchte, sondern unbedingt noch weiter will.
Zeitlich schaffe ich es gut, vor 14:00 Uhr in der Eng zu sein und ich freue mich, diesen großen Teil geschafft zu haben. Ich will es auch fast nicht glauben: Der Regen hat aufgehört und es zieht etwas auf. Das hebt die Laune unglaublich und nun stellt sich die Frsge auf gar keinen Fall mehr. Es geht weiter zum Achensee. Ich pausiere dennoch etwas länger und verarzte meine Blasen. Durch die nassen Socken hat es mich doch erwischt, obwohl ich damit nie Probleme habe. Jetzt geht es ohne Regenjacke und -hose hinauf zur Binsalm und damit auf den Teil der Strecke, bei dem ich nicht weiß, was mich erwartet. Den Weg zur Binsalm kenne ich nur aus Erzählungen meiner Eltern. Er ist steil und sie sind ihn vor vielen Jahren mit meiner Tante gegangen. Es fängt wieder an zu regnen und ich sage mir bei jedem Schritt: „Wenn die es geschafft haben, schaffe ich es auch, egal ob ich bereits 35 Kilometer in den Beinen habe.“
Und natürlich schaffe ich es und belohne mich mit einem Heidelbeerjoghurt und Holundersaft. Leider ist an der Binsalm der Aufstieg noch nicht zu Ende. Noch lange nicht, wie ich bald feststellen muss. Erst geht es auf dem breiten Forstweg mäßig ansteigend weiter. Aber während ich mich so umschaue, sehe ich plötzlich über mir Wanderer und da habe ich das erste Mal wirklich an aufhören gedacht. Bislang kam mir die Streckentopographie wirklich entgegen, aber jetzt im letzten Drittel noch eine Wand vor mir zu haben, das hat mental und konditionell doch einiges bedeutet. Also Kopf runter, um in dem Steine-Schlamm-Gemisch nicht auszurutschen und ganz stumpf einen Schritt nach dem nächsten. Nicht hoch schauen und einfach nur machen hilft dabei unglaublich. Und plötzlich war ich oben am Gramaihochleger, beklatscht von den Jungs der Bergwacht. Sofort kam riesige Freude auf, dass es jetzt nur noch abwärts geht und ich die 2.300 Höhenmeter des Marschs geschafft habe. Und es hat nun wirklich endgültig aufhört zu regnen.

Der Abstieg zur Gramaialm ist noch einmal anspruchsvoll aufgrund der Nässe, aber vergleichsweise schnell gemacht. Vielleicht treibt die Aussicht auf das nächste Wurstbrot. Hier gibt es auch noch richtig gute Kräuterlimo. Das ist die erste halbwegs entspannte Pause und im Rückblick auch die letzte. Jetzt darf ich die vielen gesammelten Höhenmeter alle wieder „abgeben“ und es geht herausfordernd für die Knie nach unten und dann noch einmal 19 Kilometer das Tal hinaus nach Pertisau. Wie man nach mehr als 40 Kilometern noch schnell laufen kann, ist mir ein Rätsel. Aber es geht. Am Ortseingang von Pertisau wartet der Lieblingsmann auf mich und begleitet mich die letzten 1,5 Kilometer zum Ziel.
Unglaublich und völlig emotional für mich überschreite ich nach einer Nettogehzeit von 11 Stunden und 43 Minuten die Ziellinie in Pertisau. Bald hätte ich sie noch verfehlt, da ich nach dem Übertreten der ersten Matte schon fertig fühlte. Zum Glück gab es nette Menschen und den Lieblingsmann, die mich final durchs Ziel scheuchten.
Ich bin so stolz auf mich und vor allem wissend, mit wie wenig Training ich das geschafft habe. Es ist alles Kopfsache, der Körper kann mehr als man denkt. Und ich habe mir damit einen Traum verwirklicht: 52 Kilometer und 2.300 Höhenmeter in unter 12 Stunden – Geschenk an mich selbst.

Mache ich es wieder: Klare Antwort im Ziel und mit Anblick meiner Blasen und Blessuren – Nein! Antwort am Montag nach der ersten, noch etwas unrunden Spazierrunde – Ja, vielleicht! Und heute, eine Woche später – ja, das gibt es in der Nähe von Salzburg auch 🤣
