Glückskinder

Von Ehrwald (1.225 m) über den Stopselzieher auf die Zugspitze (2.962 m)

Etwas Glück gehört schon dazu, wenn man Monate im Voraus das einzig verfügbare Wochenende für diese Unternehmung blockiert und viele Wochen vorher die Unterkunft bucht. In diesem Sommer ist es wie ein Sechser im Lotto. Es fügt sich alles zueinander.

Wir haben, meist in Gedanken, schon einige Anläufe auf Deutschlands höchsten Berg genommen. Entweder waren die Hütten voll oder wurden gerade neu gebaut, vom Wetter nicht zu reden. Bei unserer gestrigen Fahrt nach Ehrwald konnten wir auch noch nicht glauben, dass aus grauem Himmel und Regen, blauer Himmel und Sonnenschein werden sollen.

Dieses Mal brauchen wir keine Hütte. Es gibt einen Weg, der in ca. 6 Stunden auf ziemlich direktem Weg mit einem leichten Klettersteig hoch führt. Den nehmen wir…

Früh aufstehen ist angezeigt, da wir gerade am Klettersteig nicht auf zuviele Wanderer treffen wollen. Mal schauen, ob die Rechnung aufgeht. Punkt 7.00 Uhr starten wir an der Talstation der Tiroler Zugspitzbahn – nicht wirklich allein. Es verläuft sich jedoch schnell und wir steigen eine Skipiste stramm bergan. Ein paar Meter mehr zum Warmlaufen, wären mir lieber gewesen. Aber danach geht es nicht immer… Aus der günen Skipiste wird schnell ein Schotterweg und wir schlängeln uns Kehre um Kehre steil nach oben. Das zieht schon, aber bringt uns auch wirklich schnell auf Höhe. Die Ausblicke sind jetzt schon phantastisch.

Ab der alten Mittelstation geht es dann in etwas Kraxelei über und wir münden kurz darauf auf einen kleinen Grat ein. Dem folgen wir, manchmal auch seilversichert und immer unter der Trasse der Zugspitzbahn zur Wiener Neustädter Hütte. Da haben wir nach zwei Stunden bereits 1.000 Höhenmeter geschafft und wir haben HUNGER. Ein frisches Wurstbrot tut Wunder. Und wäre es nicht so kalt, hätten wir sicher länger ausgehalten.

Von der Hütte aus sieht man den Klettersteig und die darin befindlichen Wanderer ganz gut. Schaffen wir das? Sieht schon anstrengend und ziemlich steil aus. Da hilft nur probieren. Noch ein kurzer Blick auf den Eibsee, noch ein kleines Schotterkar zu queren und los geht es. Helm auf, Handschuhe an und ein kurzer Blick zurück. Fast niemand kommt nach…also kein Druck von hinten.

Der Steig ist gut zu gehen, der Fels ist griffig und es sondern viele Tritte und Krampen da, die einen guten Aufstieg ermöglichen. Wir klettern durch einen höhlenartigen Schlauch. Bei der flach gestreckten Körperhaltung gibt es gleich noch eine Runde Bauchmuskeltraining. Wir haben für diesen Abschnitt die perfekte Zeit erwischt. Es ist wenig los und wir können unser Tempo gehen.

Bald sehen wir die Gipfelinfrastruktur, Antennen, Häuser und die alte Bergstation. Aber es mutet an, wie eine Fata Morgana – will heißen: es kommt nicht näher. Immer noch seilversichert geht es in Kraxelei steil aufwärts. Jetzt laufen wir doch in einer kleinen Kolonne, die Geschwindigkeitsunterschiede sind jetzt gering. Der Steig und die Seilversicherung enden und jetzt wird es für mich eigentlich erst richtig anstrengend. Auf dieser, von der Sonne nur im Hochsommer etwas länger besuchten Seite liegt noch etwas Schnee, besser Eis-Schnee. Es gibt keine Seile mehr, dafür aber viel loses und bröseliges Gestein zum „Festhalten“. Es ist volle Konzentration gefragt, sonst geht es ab und das ziemlich tief.

Auch das schaffen wir und kommen wohlbehalten an den Kreuzungspunkt mit den Aufstiegswegen vom Reintal und von Ehrwald übers Gatterl. Wir blicken über das Skigebiet am Zugspitzblatt – trostlos, aber wir tragen ja auch dazu bei… Da sehen wir auch die „Ameisenstraße“, die sich von diesen beiden Wegen zum Gipfel zieht.

Die vielen kleinen Kehren zum Gipfel ziehen sich und wir kämpfen mit Höhe, Höhenmetern und dem frischen Schnee an manchen Stellen. Dann werden wir jedoch nach ca. vier Stunden mit tausenden anderen (aus den Seilbahnen) auf die kleine, hier oben zur Verfügung stehende Fläche gespült. Das flasht – von der Ruhe und dem fast meditativen gehen in diesen Gipfelzirkus. Wir waren gewarnt, aber so stellt man es sich doch nicht vor. Die Aussicht ist grandios und das Gefühl, zu Fuß hier herauf gelaufen zu sein, lässt uns alles wunderbar überstehen. Wir genehmigen uns trotz des Massenauflaufs ein Gipfelbier. Zwei Wanderer sind froh, mit uns zwei Gleichgesinnte zu entdecken. So kommt fast noch Hüttenfeeling auf und wir fachsimpeln über Aufstiegswege, Schwierigkeiten und Tourenplanung.

Der Abstieg ist unspektakulär. Die Zugspitzbahn bringt uns in wenigen Minuten nach Ehrwald hinunter. Unseren Aufstiegsweg haben wir dabei fast immer im Blick. Wir realisieren erst im Tal bei Apfelstrudel so richtig, welches Glück wir hatten und was wir geschafft haben. Es ist gerade Mittag und das frühe Aufstehen hat sich gelohnt.

(ca. 1.700 hm/4 Stunden)

2 Kommentare zu „Glückskinder“

  1. Hallo ihr zwei. Das Gefühl können wir nachvollziehen. Nur, dass wir bei unseren Aufstieg nicht so viel Glück mit dem Wetter hatten. Aber das Gefühl den Berg aus eigener Kraft bezwungen zu haben ist unvergesslich. Und dabei steht ihr echt mehr in Training. Grüße.

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