Auch schwarze Tage werden hellgrau

Von der Hanauer Hütte (1.922 m) über das Galtseitejoch (2.421 m) und die Muttekopfscharte (2.630 m) zur Muttekopfhütte (2.000 m)

Die Hanauer Hütte ist groß, gut organisiert und überhaupt nicht gemütlich. Ich habe so gefroren, soviel Tee konnte ich gar nicht in mich hineinschütten.  Das Essen war gut und ich habe einen Teil des Abends mit einer Berliner Familie verbracht, die meine Tour zur Muttekopfhütte in umgekehrter Richtung schon hinter sich hatte.  Da es die längste und anstrengende Tour ist, sitze ich Schlag 7.00 Uhr am Frühstück und bin 45 Minuten später unterwegs. Das Wetter soll so werden wie gestern, also dürfte es gut gehen. 

In weitem Bogen zieht sich der Weg nach oben, erst steil und dann wieder gemächlich. Vor mir laufen zwei, so dass ich immer gut orientiert bin, wo es hingeht.Ich sehe die Hanauer Hütte noch sehr lange, während ich einen Bach um den nächsten quere. Als sie entschwindet bin ich fast oben auf dem Galtseitejoch. Fast die Hälfte der Höhenmeter dieses Tages geschafft und es ließ sich super laufen.

Hier oben pfeift es ordentlich und es hält mich nur wenige Minuten. Dann geht es durch Schotter und über Felsblöcke bergab.  Endlich mal Blockspringen. Ich liebe es, über Blockwerk zu gehen. Bald geht es steiler bergab und es bietet sich hier die letzte Möglichkeit die Muttekopfscharte zu „umgehen“. Also umgehen ist relativ. Man kommt dann im Lechtal und nicht im Inntal raus.


Erst geht es unspektakulär über Almwiesen bergan. Plötzlich ändert sich das Gestein. Es sieht aus wie gelber Schiefer. Es ist porös und sehr lose. Es geht die nächsten drei Stunden bei jedem Schritt um ziemlich viel. Das ist das härteste, was ich jemals gelaufen bin. Es ist nicht konditionell anstrengend, aber jeder Schritt ist gefährlich. Alles bewegt sich und man muss Tritt- und Haltesteine sehr bewusst aussuchen. Ein paar Schrammen ziehe ich mir auch zu. Ich glaube ganz ohne kommen da nicht alle durch. Ich komme auf eine Scharte, die jedoch noch nicht das Ziel ist.Es geht weiter nach oben. Ab und an gibt es jetzt Seile, nur leider nicht immer dort, wo sie hilfreich wären. Irgendwann sehe ich ein Gipfelkreuz. Das muss der Muttekopf sein. Vor der Tortour hatte ich mir überlegt, den Gipfel mitzunehmen. Aber ich schenke mir es. Ich muss auf der anderen Seite der Scharte noch runter und irgendwie ist heute die Motivation weg. Der Wind pfeift hier oben wieder ordentlich und Abstieg ist auch kein Kinderspiel. Es gab wohl einige Gerölllawinen,  da der Weg nur selten gut zu finden und zu gehen ist. Ich habe noch eine Familie passiert, die für das Gelände weder trainiert noch ausgerüstet war. Ich habe ab und an Pausen eingelegt, um zu schauen, ob sie nachkommen. Als der Weg einfacher wurde und sie noch dabei waren, habe ich wieder etwas beschleunigt und mir währenddessen ausgemalt, was ich machen würde, wenn ich ankomme. Gleich zur Seilbahn und mit dem Zug nach Hause oder ins Tal und ein nettes Zimmer und wie geplant morgen früh nach Hause.  Ich weiß ja, dass ich auf der Muttekopfhütte nur im Lager bin und darauf habe ich heute überhaupt keine Lust. Zug ist so kurzfristig richtig teuer, fällt also aus. Zimmer sind auch teuer, also doch alles nach Plan. Den schmiede ich auf einem Stein uns beim Aufstehen reiße ich mir noch ein Loch in meine Hose. Ich habe heute soviele Steine mit meinem Hintern beim Kraxeln berührt und es ist nichts passiert. Und jetzt ratzt es beim Aufstehen…Es gibt halt auch schwarze Tage. Heute ist einer.

Die Hütte sieht gut aus und nach einer Dusche und einem Kaiserschmarrn mit Blick ins Inntal sieht die Welt wieder besser aus. Morgen gibt es noch 45 Min. zur Seilbahn und dann schwebe ich ins Tal und die Tourenwoche ist zu Ende.  Ich habe mit Sicherheit die stabilste Woche des Sommers gehabt und bin dafür sehr dankbar. Ich konnte alles wie geplant gehen und hoffe jetzt auf einen stabilen Herbst.

Nachtrag:

Es wäre schade gewesen, nicht auf der Hütte zu bleiben. Die Lager sind ganz neu, mit breiten Matratzen und großen Fenstern. Ich habe mir das 12er Lager mit noch 7 Leuten geteilt, also gab es ordentlich Platz. Kein Schnarcher war dabei und es gab genug Steckdosen zum Laden der Handys. Gestern Abend habe ich von meinen drei Tischnachbarn noch Schafkopf gelernt und bin richtig süchtig danach. Die hatten zudem noch einen wunderbaren Williams dabei. Der beste Hüttenabend seit langem. Und so werden aus schwarzen Tagen doch noch hellgraue…

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