Gewinn von Gegenwart 

Vom Gasthaus Hermine (1.310 m) über das Leiterjöchl (2.516 m) zum Württemberger Haus (2.220 m)

Frühstück gibt es erst 7.30 Uhr, so dass heute Ausschlafen möglich war. Das geht halt nur im Zimmer und ich habe es noch einmal genossen. Mit einem guten Frühstück im Bauch (in den Bergen gibt es immer Nuss-Nougat-Creme…) starte ich kurz nach 8.00 Uhr erst einmal in Richtung Memminger Hütte, immer am Bach entlang. Um zum Bach zu kommen, muss ich erst einmal hinabsteigen. Bei den heute vor mir liegenden Höhenmetern,möchte ich jeden zusätzlichen vermeiden. Hilft jedoch nix. Kurz darauf trennen sich die Wege und ich quere den Bach in Richtung Württemberger Haus. Es ist ein schöner Forstweg, der sich gemächlich bergan schlängelt. Der Bach ist immer dabei und zurückblickend gibt es immer bessere Ausblicke auf die Allgäuer Alpenkette. Der Weg wird ein Steig und plötzlich steht für mich die ganze Tour in Frage – Knieschmerzen…Sie kommen aus dem Nichts und ich gehe im Kopf alle Optionen durch. Kehre ich um, geHe ich weiter und Kehre evtl. später um oder gibt es sich wieder. Ich schiebe die Entscheidung noch etwas auf, und gebe mir Zeit bis zum Talschluss. Als der Weg steiler wird, sind die Schmerzen wie weggeblasen. Merke: Leichte Wege tun weh, schwere Wege gehen wunderbar. Ich beobachte noch etwas, aber dann gehe ich frohen Mutes in Richtung Leiterjöchl. Umkehren wäre jetzt bald keine Option mehr, da ich bereits mehr als 1.000 hm in den Beinen habe und der Abstieg auf der anderen Seite des Jöchls nur 300 hm sind. Bislang ist mir keine Menschenseele begegnet. Das ist schon arg ruhig. Es ändert sich, als ich auf eine Gruppe Holländer treffe, die von der anderen Seite kommen. Die haben das Jöchl schon hinter sich und ich habe keine Ahnung, was mich erwartet. Zur Ablenkung zeigt sich die Landschaft von ihrer schönsten Seite. Steinböcke sind mit etwas Konzentration auch auszumachen.

Jetzt wird der Weg richtig anstrengend und in kleinen Kehren geht es stramm bergan. Die letzten 150 hm zum Jöchl sind seilversichert und ziemliche Kletterei. Es ist doch ein Unterschied, ob man mit 3 l Wasser und etwas Essbarem auf der Tagestour unterwegs ist oder seine 10 kg auf dem Rücken hat. Da ist nix mit gemsengleicher Kletterei. Aber auch der längste Anstieg ist irgendwann vorüber und plötzlich schaue ich von oben schon in Richtung Zams und den Venetberg. Alles nicht unbekannt, der E5 lässt grüßen. Nach einer schönen Pause hier oben, am wahrscheinlich höchsten Punkt der Tour,die mir nach 24 h auch wieder Handyempfang bietet, geht es ein paar Höhenmeter hinab zum Württemberger Haus.Es liegt wunderbar idyllisch mit herrlichem Ausblick. Auf der Hütte ist es noch ganz ruhig. Tageswanderer sind wohl eher selten und die Tourengeher noch nicht da.

Ich ergattere ein Zweierzimmer, worüber ich sehr glücklich bin. Die Dusche ist ein Wasserfall, dem ich die Katzenwäsche (inkl. Haarewaschen) vorziehe. Aber auch das Wasser ist nur unwesentlich wärmer. Dafür lasse ich mich vom Apfelstrudel in der Sonne serviert gleich wieder aufwärmen.

Auf einer kleinen Anhöhe stehen Liegestühle. Einer ist Gürtel mich und ich gewinne, faul in der Sonne liegend, einfach mal Gegenwart. Nix tun, die Ruhe genießen und ankommende Wanderer beobachten – herrlich. Das geht so nur weit oben, weg vom Alltag und weit weg vom Tal.

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